Wer ist die Greta unseres Schulsystems?

Ich finde die Greta-Bewegung total klasse. Sie legt den Finger in die Wunde dessen, was Politik seit Jahren in Sachen Klimapolitik versäumt hat. Was aber ist mit unserem Schulsystem? Mit der Altenpflege? Mit bezahlbarem Wohnraum? Oder sozialer Gerechtigkeit? Dafür können wir genauso eine Greta gebrauchen.
— Frank Stöber

Frank Stöber ist Vorsitzender des Schulleitungsverbandes in Niedersachsen (SLVN). Wir haben mit ihm über den maroden Zustand unseres Schulsystems gesprochen, über die Digitalisierung als vermeintlichen Heilsbringer und wie Erwachsene die Generation Greta unterstützen können.

Frank Stöber ist der Vorsitzende des Schulleitungsverbandes in Niedersachsen (SLVN).

Frank Stöber ist der Vorsitzende des Schulleitungsverbandes in Niedersachsen (SLVN).

Herr Stöber, wie ist Ihre Vorstellung von Bildung der Zukunft?

Das ist ja echt eine Hammer Frage zum Einstieg. Noch weiter kann man das Leben fast gar nicht fassen (lacht). Ich fange mal im Kleinen an: Wichtig ist für mich, dass Schulen die größtmögliche Eigenverantwortung bei sich haben – und die geringste Gängelung seitens Behörde und Ministerium. Es muss – ich sage das mal plastisch – eine Spielwiese abgesteckt werden, auf der sich die Schule ausprobieren darf. Nach ihren Möglichkeiten, nach ihrer Schüler*innen- und Lehrkräfteklientel und nach den Bedürfnissen, die das Zusammenspiel zwischen Lehrkräften, Schüler*innen und Eltern hat. Das ist jetzt nicht der große Wurf, aber das wäre etwas, wo wir schon dankbar wären.

Eine Art kleinster gemeinsamer Nenner also. Offenbar gelingt aber bereits diese Rahmenabsteckung nicht besonders gut. Woran scheitert es und wie kommt das zustande?

Ich versuche mal, das im Kleinen zu erklären: Wir haben in Niedersachsen einen Kultusminister, den ich persönlich für sehr innovativ, sehr klar in seinen Äußerungen und sehr kreativ halte. Er möchte gerne etwas verändern. Das Problem ist, dass die Halbwertzeit von Kultusminister*innen immer relativ gering ist. Sie haben fünf Jahre Zeit, um etwas zu verändern. Nun übernehmen sie aber ein ganzes Ministerium – mit ganz vielen Menschen: Schulleiter*innen, Leuten, die aus der Schule raus sind, irgendwelchen Funktionär*innen aus Parteien. Und diese Parteimenschen verfolgen eigene Ziele. Wenn der Kultusminister sagt: „Wir gehen rechts herum“, dann dauert es ewig, bis das im kleinsten Büro ankommt.

Wir haben einen total behäbigen, politischen und bürokratischen Apparat, der es uns wirklich schwer macht, schnell zu reagieren. Es ist wie ein riesiger Tanker, vor dem urplötzlich ein Eisberg auftaucht.
— Frank Stöber

Das heißt: Die politische Struktur unserer Bildungslandschaft steht der Veränderung im Weg?

Wir haben einen total behäbigen, politischen und bürokratischen Apparat, der es uns wirklich schwer macht, schnell zu reagieren. Es ist wie ein riesiger Tanker, vor dem urplötzlich ein Eisberg auftaucht. Der Tanker ist zu langsam, um rechtzeitig reagieren zu können. Und so erleben wir es in der Bildungspolitik auch. Viel Bürokratismus, viel Eigennützigkeit und ganz viel Bequemlichkeit. Ich habe ja meinen Job – Klammer auf, ich bin ja Beamter, Klammer zu –, ich muss mich nicht bewegen. Warum auch? Es ging doch die letzten dreißig Jahre auch. Das sind die Punkte, die wir an vielen Stellen hören und mit denen wir leben.

Inwiefern ist denn bei einer solchen Ohnmacht im System überhaupt der Wille da, Dinge auf eine neue Weise zu denken? In welchen Mühlen stecken Schulleitungen?

Ich glaube, das ist wie bei jeder Frage, die man stellt. Es gibt nie ein Entweder-oder, sondern aus meiner Sicht immer nur ein Sowohl-als-auch. Und es gibt auch nie die Schulleitung. In diesem Sinne ist das erste große Problem, dass wir an Schulen haben: die Lehrkräfte. Wenn Sie ein Unternehmen führen, als Geschäftsführer oder auch als Inhaber agieren, dann müssen Sie versuchen, Ihre Mitarbeiter*innen in irgendeiner Weise bei Laune zu halten und ihnen immer wieder sagen: „Das ist meine Vision und wenn ihr diese Vision nicht mittragen könnt, dann müssen wir uns trennen.“ Das ist so ein bisschen freie Marktwirtschaft, könnte man sagen. Wir als Schulleitungen haben allerdings keine Handhabe, um motivierend zu wirken und zum Beispiel zu sagen: „Passt mal auf, das ist meine Vision und wenn ihr mitgeht, kriegt ihr einen Bonus von hundert Euro im Monat.“ Wir haben auch nicht die Möglichkeit, uns von Lehrkräften zu trennen, die die Vision von Schule nicht teilen. In Niedersachsen werden wie in fast allen anderen Bundesländern auch die Lehrkräfte verbeamtet. Versuchen Sie mal, eine verbeamtete Lehrkraft dazu zu motivieren, etwas zu tun, was sie nicht will. Sie haben keine Chance. Und Sie haben noch weniger eine Chance, wenn Sie keine Alternative zu dieser Person haben.

Wie spielt der Lehrkräftemangel hier mit rein?

Das ist etwas, das Politik im höchsten Maße verpennt hat: zu gucken, wie hoch ist eigentlich der Zuwachs an Kindern? Jetzt herrscht in Deutschland ein absoluter Lehrkräftemangel und jeder buhlt um Lehrkräfte. Wir nehmen derzeit alles an Lehrkräften, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Mittlerweile ist es so, dass ich die gleiche Stelle drei- oder viermal ausschreiben muss und dann bei einem Quereinsteiger lande, der vorher möglicherweise in der Industrie, im Labor oder im Büro gearbeitet hat – oder wo auch immer. Es gibt kaum noch die Möglichkeit, sich für einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu entscheiden. Es ist sogar umgekehrt: Die Kandidat*innen entscheiden sich für die Schule. Das führt dazu, dass ich nur noch mit dem Personal arbeiten kann, das ich habe. Und das ist nicht immer optimal für meine Vision.

Das ist eine in der Summe ziemlich bedenkliche Statusmeldung. Was nun? Wo sind da noch Stellschrauben, an denen man drehen kann?

Wenn ich eine wirklich gute Antwort hätte, dann wäre ich wohl sehr gefragt – und das bin ich tatsächlich nicht (lacht). Das Problem ist einfach, dass viele zurzeit nur Pflaster kleben, weil es zu viele Baustellen gibt.

Digitalisierung darf nur Mittel zum Zweck sein, aber nicht der eigentliche Zweck. Wir müssen lernen, die digitale Welt zu nutzen und dürfen uns nicht von ihr überrennen lassen.
— Frank Stöber

Mit Pflasterkleben und ohne Vision werden wir die Herausforderungen der Zukunft kaum meistern. Nun erscheint auch noch die Digitalisierung der Bildung als große Wolke am Horizont ...

Der Zug Digitalisierung ist ein Zug, auf den gerade alle aufspringen – ausnahmslos. Weil sie darin einen Heilsbringer für die Bildung sehen. Das mag in Teilen stimmen, aber man kann es auch kritisch sehen. Es kann nicht die Lösung aller Probleme sein, die Bildung hat. Aus meiner Sicht darf Digitalisierung nur Mittel zum Zweck sein, aber nicht der eigentliche Zweck. Das sollte man im Blick behalten. Wir müssen im Grunde lernen, die digitale Welt zu nutzen und dürfen uns nicht von ihr überrennen lassen. Das passiert gerade an allen Stellen, weil der digitale Hype vor nichts Halt macht. Wir müssen gucken, dass wir uns die Dinge zu Nutze machen und dass sie nicht uns benutzen.

“Das, was wir versäumt haben, dafür können wir uns bei der Generation meiner Kinder nur entschuldigen. Und wir können sie unterstützen, wenn sie aufsteht. Das sollte unsere Aufgabe sein, statt sie zu kritisieren.” Frank Stöber zur Fridays-Bewegung. Photo by  Harrison Moore  on  Unsplash

“Das, was wir versäumt haben, dafür können wir uns bei der Generation meiner Kinder nur entschuldigen. Und wir können sie unterstützen, wenn sie aufsteht. Das sollte unsere Aufgabe sein, statt sie zu kritisieren.” Frank Stöber zur Fridays-Bewegung. Photo by Harrison Moore on Unsplash

Was bedeutet das denn für die am anderen Ende der Schulbank: Kinder und Jugendliche? Was sollte ihnen vermittelt werden, um die digitale Welt zu nutzen und sich nicht benutzen zu lassen, wie Sie sagen?

Aus meiner Sicht ist der erste Punkt die Sozialkompetenz. Ich darf bei aller Digital- und Medienkompetenz nicht die Sozialkompetenz vergessen. Was bringt mir die ganze Medienkompetenz im Sinne von Umgang mit neuen Medien, wenn ich sozial ein Krüppel bin? Wenn ich nicht in der Lage bin, mich in der Gesellschaft zurecht zu finden? Wenn ich nicht in der Lage bin, mit anderen zu kooperieren oder einen Schritt zurückzutreten, mich selbst zu reflektieren, Schuld einzugestehen und mich zu entschuldigen? Der zweite Punkt ist aus meiner Sicht: Wenn wir über Digitalisierung sprechen, müssen wir über Medienkompetenz sprechen. Und Medienkompetenz heißt nicht: Wie gehe ich am besten mit dem Gerät um, wie schalte ich es ein, wie schalte ich es aus? Für mich gehört dazu: Wie gelingt es mir, aus dem Medium auch mal herauszutreten? Wie schaffe ich es, auch mal einen Schlussstrich zu ziehen und zu sagen: „So, das war es jetzt für mich heute.“ Medienkompetenz bedeutet aus meiner Sicht den verantwortungsvollen Umgang mit dieser ganzen Welt und dem ganzen digitalen Bereich zu lernen. Einfach nur iPads zu verteilen, Boards in Klassenräumen zu installieren, Glasfaserkabel durch das Land zu ziehen – das ist die Hardware. Die Software ist: Wie mache ich meine Schüler*innen medienkompetent, so dass Medien Mittel zum Zweck sind?

Welche Kompetenzen sollten Schüler*innen aus Ihrer Sicht darüber hinaus mit auf den Weg bekommen? Gerade in der heutigen Zeit, in der wir vor großen gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen stehen?

Na ja, im Grunde können Sie da jede gesellschaftliche Kompetenz hineinschmeißen. Ob zum Beispiel Umweltkompetenz, Zukunftskompetenz, Wohnraumkompetenz ... Sie können jeden Bereich einschmeißen, der irgendetwas mit dem Bereich „Verantwortung für die Zukunft“ zu tun hat.

Die Greta-Bewegung zeigt: Es ist so wichtig, mal anders zu denken, mal quer zu denken, mal sämtliche Konventionen und herkömmlichen Ideen außenvorzulassen.
— Frank Stöber

Wenn man sich die Fridays-for-Future-Bewegung ansieht, scheint es, als hätten Schüler*innen viel eher als Erwachsene verstanden, was „Verantwortung für die Zukunft“ eigentlich bedeutet. Wie nehmen Sie diese Bewegung wahr?

Das ist eine Bewegung, die ich total klasse finde, weil sie aus meiner Sicht zwei Sachen deutlich macht. Die eine Sache ist – und darum regen sich auch einige Politiker so lautstark darüber auf –, dass sie den Finger in die Wunde dessen legt, was Politik seit Jahren in Sachen Klimapolitik versäumt hat. Und dann wird die Keule der Schulpflicht, des Schulschwänzens und der Bürgerpflicht hervorgeholt. Unsere Erwachsenen-Generation kriegt den Hintern schon nicht mehr hoch, weil wir satt sind von vielen Dingen. Und diese junge Generation sieht nun ihre Zukunft dahingewirtschaftet von den fehlenden Entscheidungen und den Missständen, die uns die Politik hinterlässt. Im Grunde verpennt die Politik permanent Chancen, erkennt die Zeichen der Zeit nicht und kümmert sich nicht um die Belange der Menschen. Sie regiert einfach zu weit weg. Letztlich nimmt die heutige Politik den jetzigen Schüler*innen an vielen Stellen die Zukunft. Die Jugend hat das begriffen. Die Greta-Bewegung zeigt: Es ist so wichtig, mal anders zu denken, mal quer zu denken, mal sämtliche Konventionen und herkömmlichen Ideen außenvorzulassen und zu sagen: „So, wir machen jetzt etwas daraus!“ Das müsste man aus meiner Sicht noch deutlich ausweiten auf andere Themenschwerpunkte.

Der Schulleitungsverbandes in Niedersachsen (SLVN) vertritt unabhängig die Interessen von Schulleitungsmitgliedern. Er ist der einzige Schulleitungsverband, in dem Mitglieder aller Schulformen Niedersachsens vertreten sind.

Der Schulleitungsverbandes in Niedersachsen (SLVN) vertritt unabhängig die Interessen von Schulleitungsmitgliedern. Er ist der einzige Schulleitungsverband, in dem Mitglieder aller Schulformen Niedersachsens vertreten sind.

Zum Beispiel?

Es könnten auch Fridays for Altenpflege sein. Wir können genauso eine Greta gebrauchen, um zu sagen: „Leute, was machen wir im Alter? Wir gehen wir damit um? Was ist mit Altenpflege?“ Oder in Sachen Wohnraum: Was machen wir mit dem nicht mehr bezahlbaren Wohnraum? Mein Eindruck ist: So lange wir ein politisches System haben, das immer nur konform ist und keine Akzente setzt, ein System, das selbstdenkendes und aktives Handeln von Menschen wie Greta verurteilt, so lange werden wir uns auch nicht vorwärtsbewegen können. Was wir brauchen, sind Politiker*innen, die den Mut haben, auch mal querzudenken. Wir brauchen Leute, die dafür einstehen, dafür kämpfen, was Gesellschaft ausmacht – für bessere Löhne, gegen Arbeitslosigkeit und so weiter. Wir brauchen eine Generation, die aufsteht und die vielleicht auch mal radikaler ist in ihren Gedanken, in ihren Forderungen und auch in ihren Taten. Meine Generation, die um die Siebzigerjahre herum geboren ist, kriegt den Hintern nicht mehr hoch. Wir sind satt. Das, was wir versäumt haben, dafür können wir uns bei der Generation meiner Kinder nur entschuldigen. Und wir können sie unterstützen, wenn sie aufsteht. Das sollte unsere Aufgabe sein, statt sie zu kritisieren.

Die nächste Generation tobt sich aus, indem ich sie unterstütze und indem ich jetzt so lebe, dass auch sie noch leben kann.
— Frank Stöber

Um den Bogen zum Anfang unseres Interviews zu schlagen: Welche kleinen Schritt können wir jetzt machen? Und welche Rolle können in diesen Elefantenrunden externe Player wie sh|ft spielen?

Wir müssen den Mehrwert deutlich machen! Für unsere Kinder, die wir ja eigentlich lieben sollten. Und das ist, glaube ich, auch immer noch so ein Appell, den man gut bringen kann. Die nächste Generation tobt sich aus, indem ich sie unterstütze und indem ich jetzt so lebe, dass auch sie noch leben kann. Da sind externe Player in einer guten Position. Diese dicken Bretter zu bohren – das ist im Grunde Aufgabe von Lobbyisten. Wenn Sie als externer Akteur dem Ministerium oder den Verantwortlichen deutlich machen können, dass ihre Arbeit in irgendeiner Weise einen Mehrwert ohne Mehrarbeit zu einem kostendeckenden Betrag bietet, dann sind Sie ein jemand, der im Bildungssystem seinen Platz findet.

Danke für das Interview, Herr Stöber.