Holakratie: der Heilige Gral der neuen Arbeitswelt?

Kickertische, Kaffeemaschinen und Couch-Interieur – wer dieser Tage die Büros junger Unternehmen betritt, wird unweigerlich mit einem neuen Arbeitsgefühl konfrontiert. Der Auftritt ist betont locker, der Umgangston freundschaftlich und der Wunsch nach sinnerfüllter Arbeit groß.

Agilität, Kollaboration und Kreativität sind in aller Munde.

Es ist nicht schwer, darin die Abkehr von den streng hierarchischen und auf Effizienz ausgerichteten Organisationskulturen der Vergangenheit zu sehen. Unverkennbar ist hier eine junge Generation darum bemüht, einem neuen Verständnis von Arbeit Ausdruck zu verleihen.

Ist Holakratie der Heilige Gral der neuen Arbeitswelt? Was hat es damit auf sich? Und: Hält die Idee, was sie verspricht?

Ist Holakratie der Heilige Gral der neuen Arbeitswelt? Was hat es damit auf sich? Und: Hält die Idee, was sie verspricht?

Gesucht: eine neue Landkarte

Was von dem neuen Arbeitsgefühl am Ende wirklich Perspektive bietet und was nur Modeerscheinung ist, sei dahingestellt.

Fakt ist: Unsere Arbeitswelt ist gekennzeichnet von umwälzenden Veränderungen. Geschäftsmodelle werden angefragt, klassische Institutionen verlieren an Relevanz und eine neue Generation von Mitarbeitenden richtet gefühlt fast beiläufig den Wertekompass der Arbeitswelt neu aus.

In Zahlen: Schon im Jahr 2025 werden die sogenannten “Millenials” 75% des Arbeitsmarktes stellen. Dass sich das Spiel dadurch verändert, sollte klar sein. Offen ist nur die Frage: Wer legt die Spielregeln fest? Und von hier: Wie kommt der Mensch dabei nicht zu kurz?

In diesem Fahrwasser läuft die Suche nach neuen Modellen, ja nach neuen Narrativen, wie Arbeit der Zukunft aussehen kann, auf Hochtouren. Auf dem Experimentierfeld von Theorie und Praxis werden die großen Fragen unserer Zeit verhandelt, etwa: Unter welchen Bedingungen und – angesichts von ökologischer und sozialer Probleme – mit welchen No-gos wollen (oder müssen!) wir künftig arbeiten?

Eine der wichtigsten Fragen des sh|ft ist dabei unbestritten: Welche Rolle spielt der “Faktor Mensch” in der Organisation der Zukunft?

Gefunden: ein neuer Kompass

Frisch aus der Ideenschmiede kommt nun das Modell der “Holakratie”, wie uns die Unternehmensberaterin Stefanie Weck-Rauprich bei der letzten sh|ft erzählte:

“Kreativ sein, gestalten, die eigenen Ideen umsetzen – viele von uns wünschen sich doch, so arbeiten zu können. Noch besser ist es, wenn wir bei unserer Arbeit das Gefühl haben, etwas Sinnvolles zu tun, ja, einen wertvollen Beitrag für die Welt zu leisten. Gibt es eine Organisationsstruktur, die so ein Arbeiten begünstigt? Bisher kennen wir vor allem das traditionelle Managementsystem mit klaren Hierarchien und Entscheidungsprozessen. Das stößt aber häufig an seine Grenzen, wenn wir schnell und eigeninitiativ handeln wollen. Holacracy® ist ein neuer Ansatz, wie ein Unternehmen strukturiert werden kann. Mitarbeitende erhalten die Autorität, Entscheidungen selbstverantwortlich und situationsbezogen zu treffen. So entstehen Freiräume für mehr Kreativität und schnelleres Umsetzen von Ideen.

Stefanie Weck-Rauprichs  große Leidenschaft ist es, ein Umfeld für Menschen zu schaffen, in dem sich Potential entfalten und sich jeder einzelne mit seinen Ideen und Stärken einbringen kann.

Stefanie Weck-Rauprichs große Leidenschaft ist es, ein Umfeld für Menschen zu schaffen, in dem sich Potential entfalten und sich jeder einzelne mit seinen Ideen und Stärken einbringen kann.

Etwa 65 Gäste waren bei der  sh|ft am 25.-26. Februar 2019  in Hannover dabei. Gastgeber war das  Design Center  der Hochschule Hannover und  Nexster .

Etwa 65 Gäste waren bei der sh|ft am 25.-26. Februar 2019 in Hannover dabei. Gastgeber war das Design Center der Hochschule Hannover und Nexster.

Erklärt: das ist Holakratie

In der Holakratie finden Entscheidung durch alle Ebenen hindurch gewünschte Transparenz und partizipative Beteiligungsmöglichkeiten.
— Brian Robertson, Erfinder

In der Holakratie ist der Name Programm. Er setzt sich zusammen aus Holarchie (ein Ganzes, das Teil eines Ganzen ist) und Kratie (Herrschaft). Mit anderen Worten: In der Holakratie werden Entscheidungsbefugnisse dezentral im Unternehmen verteilt. Statt Funktionen und Menschen zu verknüpfen, wird in der Holakratie die anfallende Arbeit anhand von Rollen abgebildet. Dabei hat jede Rolle einen klar definierten Sinn und Zweck, den sie im Unternehmen erfüllt.

Darüber entsteht eine Hierarchie, die sich auf die Definition bestimmter Arbeitspakete bezieht und nicht auf die Position einzelner Personen. Mitarbeitende haben die Autorität, um selbstverantwortlich zu tun, was für die Erledigung ihrer Arbeit Sinn macht. Das ermöglicht, schnell und wirkungsvoll auf Veränderungen reagieren und in komplexen Situationen handlungsfähig bleiben zu können. Im Fall der Fälle wird die Struktur der Organisation auf den jeweiligen Bedarf hin aktualisiert.

Die Holakratie nimmt sich vor, ein neues Betriebssystem für die Organisation zu stellen – und will dabei nicht nur Ergänzung, sondern vollwertiger Ersatz für herkömmliche Management-Modelle sein. Grundlage dafür ist die sogenannte “Verfassung”, ein Regelwerk, das Handlungsbefugnisse verteilt oder strukturelle Themen verortet. Was genau es damit auf sich hat, wird im Video unten erklärt.

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Holakratie fußt auf vier Grundannahmen:

  • der Mensch arbeitet autonom mit dem Ziel, den Sinn und Zweck seiner Rollen zu erfüllen.

  • Klar definierte Arbeitspakete, Verantwortlichkeiten und Prozesse schaffen sowohl Transparenz als auch Verbindlichkeit und Orientierung.

  • Treiber für Veränderung sind sogenannte „Spannungen“. Sie sind definiert als “die Lücke zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte” und können sowohl Herausforderungen als auch neue Ideen sein.

  • Die Struktur der Organisation wird kontinuierlich weiterentwickelt, um sich effektiv an ein dynamisches und schnelllebiges Umfeld anzupassen.

Wer noch tiefer in das Konzept einsteigen will, wird hier fündig.

Befragt: hype oder hope?

Das klingt spannend – und regt uns gerade deshalb an, noch tiefer zu graben. sh|ft ist schließlich ein Raum, in dem wir Dinge hinterfragen können. In diesem Fall lautet die Preisfrage: Hält die Idee von Holakratie, was sie verspricht? Ist sie der lang ersehnte Silberstreif am Nachthimmel von Arbeit 4.0?

Im Nachklang unserer letzten Veranstaltung haben wir den Leiter der Kommunikation der Ev. Landeskirche Hannovers und langjährigen Unternehmensberater (und ganz nebenbei auch sh|ft-Initiator) Klaus Motoki Tonn nach seiner Einschätzung gefragt.

Klaus Motoki Tonn ist Leiter der Kommunikation der  Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers  sowie Initiator der sh|ft. In diesem Beitrag nimmt er die Idee von Holakratie unter die Lupe.

Klaus Motoki Tonn ist Leiter der Kommunikation der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers sowie Initiator der sh|ft. In diesem Beitrag nimmt er die Idee von Holakratie unter die Lupe.

“Im Konzept der Holakratie entdecke ich vielversprechende Ansätze. Ich habe in meinem eigenen Projektumfeld wahrgenommen, wie Teile davon angewandt werden und auch Wirksamkeit entfalten – etwa wenn Meeting- und Entscheidungsformen zu einer klareren Orientierung beitragen, Rollen und Ziele geklärt werden und darüber mehr Verantwortungsbewusstsein in der Organisation wächst. Das sind Dinge, die im Business-Alltag oft nicht vorausgesetzt werden können.

Gleichzeitig lautet meine Frage: Inwieweit geht die Theorie der Holakratie im sogenannten “magischen Projektdreieck” von realistischen Voraussetzungen aus? So scheint es immer ausreichende Ressourcen für Meetings und die Klärung von „Spannungen“ zu geben, die Qualität nicht im Vordergrund der Betrachtung zu stehen und der Faktor Zeit im Konzept der Holakratie weniger betont zu werden. Wie aber geht Holakratie mit Umständen wie Entscheidungsfindung unter Zeitdruck, fehlenden multirationalen Diskurs oder Qualitätsdruck seitens der Umwelt um (etwa Kunden, Partner, Stake- und Shareholder)?

Vielleicht sind das gerade die interessantesten Punkte der Holakratie!? Immerhin sind es die typischen Projektdimensionen (Zeit, Qualität, Budget), die meist nicht zur Zufriedenheit der Beteiligten aufgehen. Ob nun Projekte in IT-/Organisationsentwicklung oder Change: es gibt seit Jahrzehnten aus aller Welt auskömmlich Studien darüber, dass ein großer Teil an eben diesen Parametern scheitert.

Warum also daran festhalten?

Stefanie Weck-Rauprich von  Xpreneurs  nahm uns bei der  sh|ft  mit hinein in die Idee von Holakratie.

Stefanie Weck-Rauprich von Xpreneurs nahm uns bei der sh|ft mit hinein in die Idee von Holakratie.

Why are you creative? Das haben wir alle Beitragenden der  sh|ft  gefragt.

Why are you creative? Das haben wir alle Beitragenden der sh|ft gefragt.

Ganz einfach gesprochen: Weil der Markt, die Marktteilnehmenden und unsere ökonomischen Prinzipien das fordern (Stichwort: Wachstum, …). Insofern hinterfragt Holakratie das System innerhalb des Systems. Liegt darin schon ausreichend Radikalität für einen Systemwechsel?

Das bleibt fraglich – ist aber auch nicht der Anspruch von Holakratie. Es kann gut sein, dass gerade diese Beheimatung im System die Chance verbürgt, nicht bloß wohlgemeint, sondern tatsächlich ins Räderwerk der Ökonomie einzugreifen.

An dieser Stelle noch ein anderer, offener Gedanke: Steht hinter der ‘Verfassung’ von Holakratie am Ende nicht doch eine neue Form von jenen Steuerungsmechanismen, von denen sie sich eigentlich abzugrenzen meint? Im juristischen Sprech klingt für mich der Wunsch nach Sicherheit durch. Insofern frage ich mich: Welches Verständnis von Governance oder Bürokratie liegt eigentlich hinter der Holakratie? Und: Was an den vermeintlich alten Strukturen steht vielleicht doch im Dienst des Menschen?”

Zu welchem Schluss kommt ihr: Welche Zukunft hat Holakratie? Schreibt uns und lasst uns im Gespräch über die Welt von morgen bleiben. Shift happens!