Ethik – das nächste Level der Digitalisierung

Leben braucht soziale Sicherheit eben auch in der digitalen Welt.
— Dr. Ralph Charbonnier

Wie hast du’s mit der Digitalisierung? 

Das ist die Gretchenfrage dieser Tage. Aus der Welt der Technik ist sie ins Business geschwappt … und nun rücken mit etwas Anlauf mehr und mehr ethische Gesichtspunkte in den Lichtkegel. Der sh|ft geht voran, wenn man so will.

Der Theologe und sh|ft-Gast Dr. Ralph Charbonnier forderte kürzlich zum Beispiel eine Ethik der Datenerhebung, der Algorithmen und für Informatiker (siehe EKD-Bericht). Machtmissbrauch und digitaler Ausgrenzung müsse vorgebeugt werden, etwa wenn es um Wohlstand, Bildung, Gesundheit oder Mobilität geht. Die Kirche sieht er dafür als einen wichtigen Gesprächspartner für Industrie und Gesellschaft.

Nach der sh|ft hatten wir das Glück, mit ihm, dem Digitaltheologen Dr. Jonas Kurlberg (CODEC) und der Medizinethikerin Dr. Julia Inthorn (Zentrum für Gesundheitsethik) über die Ethik der Zukunft zu reden.

Nach der sh|ft stand noch eine Digital-Runde zur Ethik der Zukunft auf dem Programm – mit Dr. Jonas Kurlberg (links) und Dr. Ralph Charbonnier (Mitte). Foto: Yan-Yin Tse

Nach der sh|ft stand noch eine Digital-Runde zur Ethik der Zukunft auf dem Programm – mit Dr. Jonas Kurlberg (links) und Dr. Ralph Charbonnier (Mitte). Foto: Yan-Yin Tse

Zu Gast war auch Dr. Julia Inthorn vom Zentrum für Gesundheitsethik. Foto: Yan-Yin Tse

Zu Gast war auch Dr. Julia Inthorn vom Zentrum für Gesundheitsethik. Foto: Yan-Yin Tse

Hier ein paar Leckerbissen, die wir zum Nachdenken über eine digitale Ethik aufgeschnappt haben:

  • „Nicht alles an dieser Debatte ist neu und nicht alles daran hat mit digitalen Problemen zu tun. Wir sind gefragt, herauszufinden, was sich in der digitalen Welt verändert hat und wie sich das auf unsere Vorstellung der echten Welt auswirkt.“ Julia Inthorn

  • „Ich verstehe Digitalisierung als hermeneutisches Phänomen: Datenverarbeitung ist Dateninterpretation – und in dieser Linie verfolgt die IT meiner Meinung nach mehr einen geistes- als einen naturwissenschaftlichen Ansatz.“ Ralph Charbonnier

  • „Ich denke, Teil des Problems ist, dass es nicht bloß eine Theologie gibt.“ Jonas Kurlberg

  • „In der Medizin hatten wir bislang Doktor und Patient. Jetzt kommt eine dritte Partei dazu – und gestaltet das Miteinander, während die anderen kaum involviert sind. Ich denke, dieser Zusammenhang lässt sich auf viele andere Bereiche der digitalen Entwicklung übertragen.“ Julia Inthorn

  • „Digitale Theologie muss die Würde des Menschen sichern. Sie ist die Antithese zu dem Narzissmus, den wir an vielen Stellen in den sozialen Medien und Businesses finden.“ Jonas Kurlberg (bei der Sh|ft)

  • „Digitale Theologie hat ein prophetisches Mandat für unsere Zeit.“ Jonas Kurlberg (dito)

Dr. Ralph Charbonnier (Mitte) war zu Gast bei der sh|ft. Für die EKD übernimmt er Verantwortung für Ethik und Theologie im Prozess 'Kirche im digitalen Wandel'. Foto: Daniel Schaffer

Dr. Ralph Charbonnier (Mitte) war zu Gast bei der sh|ft. Für die EKD übernimmt er Verantwortung für Ethik und Theologie im Prozess 'Kirche im digitalen Wandel'. Foto: Daniel Schaffer

The big question for the church today is: Where is the line between manipulation and information?
— Dr. Jonas Kurlberg

Und wo wir grad dabei sind: Vor ein paar Wochen waren wir zu Gast bei einer Podiumsdiskussion im heimathafen Wiesbaden. Thema: „Wie kommt Ethik in die Digitalisierung?“ Diskutiert haben Dr. Volker Jung (der Kirchenpräsident der EKHN), Birgit Heilig (SEND e.V.) und die beiden sh|ft-Referenten Dominik Hofmann und Daniel Nowack. Auch hier haben wir einige spannende O-Töne eingefangen:

  • „Digitalisierung ist eine Realität, an der man nicht vorbeikommt. Wir können uns nur aussuchen, ob wir uns mit ihr auseinandersetzen, sie vielleicht sogar proaktiv gestalten oder einfach nur ihr Opfer sind." Volker Jung

  • „Was macht Digitalisierung mit uns? Was ist für uns verträglich? Wo gibt es vielleicht auch Grenzen?  Das ist gar nicht so eindeutig. Beim Segensroboter gab es Menschen, die das abgelehnt haben – und es gab Menschen, die sich mit Tränen in den Augen von diesem Roboter haben segnen lassen.“ Dominik Hofmann

  • „Kirche will nicht die Werte-Agentur der Gesellschaft sein. Vielmehr will sie Menschen helfen, Sinn im Leben zu finden.“ Volker Jung

  • „Es gibt genug Studien, die belegen, dass mehr Technologie nicht zu mehr Glück führt, sondern dass Glück darin liegt, dass wir uns und unsere Stärken erkennen.“ Daniel Nowack

  • „Digitale Kommunikation ist Teil unserer Wirklichkeit. Diese Form wird weiter prägend bleiben. Deshalb müssen wir sie gestalten. Wir sind in einem Lernprozess, individuell und gesellschaftlich. Wir müssen lernen, die Digitalisierung gut zu nutzen.“ Volker Jung

  • „Menschen sagen: ‘Lasst doch bitte wenigstens die Kirche als geschützten analogen Raum der Digitalisierung.’ Ich frag mal ein bisschen spitz: Ist Gott nicht seit über 2 000 Jahren eine virtuelle Realität?“ Birgit Heilig

PS: Dr. Ralph Charbonnier hat übrigens zum Thema “Technik und Theologie” promoviert. Für die Perlentaucher unter uns, hier der Link.